Georgien, kleines Land mit großer Vielfalt

Den meisten Menschen, denen ich erzählte, dass wir einen Georgienurlaub planen, kommentierten unser Vorhaben mit einem: „Wieso denn Georgien? Ist es da nicht unmenschlich kalt und noch dazu gefährlich?” Alle drei Fragen ließen sich ziemlich schnell beantworten und mein Gegenüber reagierte in den meisten Fällen mit hochgezogenen Augenbrauen und einem kurzen „Aha!”. Was so viel bedeutete wie: „Das wusste ich nicht, klingt interessant.” Georgien hat wahnsinnig viel zu bieten und empfängt seine Besucher mit offenen Armen.

Wieso Georgien? Georgien ist unverdorben, was den Tourismus betrifft, vielleicht sogar – auch den Reaktionen der Fragenden zu entnehmen – ein bisschen exotisch. Und bei uns stand es schon seit einiger Zeit auf der Reiseliste, denn wir haben Freunde dort, die schon sehr lange besucht werden wollten. Ist es unmenschlich kalt in Georgien? Ja, es kann sehr kalt werden, vor allem in den Bergen, aber spätestens im April beginnt dort der Frühling, es wird schnell sehr warm und man kann sogar schon im Schwarzen Meer baden. Das gute Wetter hält sich in der Regel bis in den Oktober und im Sommer steigen die Temperaturen leicht auf mehr als 40 Grad.

Und wie sieht es mit den Gefahren aus? Die beiden Konfliktgebiete – Südossetien und Abchasien – sind gefährlich. Auch Georgien untersagt den Reiseverkehr in diese Regionen, was bedeutet, man kann dort nicht einfach hinfahren, auch nicht als Georgier. Stacheldrahtzäune und Grenzschilder untersagen die Einreise. Ansonsten gibt es in dem kleinen Land im Kaukasus die Gefahren, die es überall auf der Welt mehr oder weniger auch gibt.

Mich hat das Land absolut in seinen Bann gezogen. Die Georgier servieren eine unglaublich gute Küche, die vor allem auch sehr abwechslungsreich und frisch ist. Mein Lieblingsgericht, das somit auch jeden Tag auf meinem Speiseplan stand: Badrijani, gebratene Auberginen mit einer sehr leckeren Walnusspaste und Granatapfelkernen. Die Walnuss spielt bei der Zubereitung der georgischen Speisen überhaupt eine sehr herausragende Rolle. Manche nennen sie sogar die „Königin der georgischen Küche”. An Badrijani auf jeden Fall kommt man in Georgien nicht vorbei, es findet sich sozusagen auf jeder Speisekarte. Das eigentliche Nationalgericht sind aber Chinkali, gefüllte Teigtaschen, die unglaublich lecker sind. Es gibt Restaurants, die nichts anderes anbieten. In Georgien bestellt man viele kleine Gerichte, die geteilt werden; das finde ich eine sehr kommunikative und bereichernde Art des Essengehens. So kommt jeder in den Genuss der leckeren Gerichte.

Neben der sehr guten Küche ist die Landschaft der pure Wahnsinn. Wir erlebten den Kaukasus in seiner ganzen Schönheit, machten tolle Wanderungen durch wirklich unberührte Natur, saßen am Strand von Batumi und kosteten Quellwasser in Bordschomi. Georgien ist ein Land voller landschaftlicher Gegensätze. Du kannst alles haben: Schnee und tropische Wärme. Außerdem macht es einem die Gastfreundschaft der Menschen einfach, sich willkommen zu fühlen. Fragt man einen Georgier – wenn es gut läuft auf Englisch, ansonsten sind Kenntnisse in Russisch sehr hilfreich – was man in Georgiern nicht verpassen sollte, dann fangen die Augen der Georgier an zu leuchten und man muss sich auf geschichtliche, geografische, kulturelle und kulinarische Ausführungen gefasst machen, die in der Regel sehr umfangreich sind und den Ratschlag beinhalten, dass man auf keinen Fall irgendetwas auslassen sollte. Da ist das Weingebiet Kachetien im Osten des Landes. Und überhaupt der Wein. Georgien gilt als Wiege des Weines, eine sehr neue Erkenntnis für mich, die sich aber während unseres Aufenthalts immer wieder bestätigt hat. Traditioneller georgischer Wein reift in Tonfässern, in sogenannten Kvevris in der Erde. Weltweit existieren drei Methoden Wein herzustellen, die europäische, die jüdische und die georgische. Die Letztere hat eine Tradition, die mehr als 7000 Jahre alt ist und seit 2013 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Das Besondere: Der Wein reift ohne Zusätze und ohne Eingreifen der Winzer. Der Wein bleibt also sich selbst überlassen. Herauskommen Weine, die definitiv nicht jedem schmecken. Auf einem sehr schönen Weingut in Kachetien habe ich diesen Wein zum ersten Mal probiert und ich muss sagen, er schmeckt mehr als speziell. Knarzig, herb, sodass sich die Wangenmuskeln zusammenziehen – bei mir auf jeden Fall und er hinterlässt außerdem einen pelzigen Belag im Mund. Die Georgier lieben ihren georgisch gekelterten Wein, mein Lieblingsgetränk wird er definitiv nicht – die europäisch gekelterten georgischen Weine gefallen mir weitaus besser.

Mein wohl nachhaltigstes, weil emotionalstes Erlebnis, hatte ich am Ende unserer Reise. Wir waren auf dem Rückweg von Kachetien nach Tbilissi, um in der Nacht zurück nach Berlin zu fliegen. Da wir noch etwas Zeit hatten und keine Lust auf das Chaos in der Stadt, hielten wir auf einer kleinen Seitenstraße und stiegen aus, um noch einmal diese unglaubliche Landschaft zu genießen. Es fing ein bisschen an zu regnen und wir nahmen unseren knallroten Schirm mit, der offenbar für Aufmerksamkeit sorgte. Wir liefen querfeldein und plötzlich hörten wir einen Hund bellen und sahen eine Frau, die uns entgegenlief. Sie winkte und rief uns auf Georgisch zu. Sie fragte, soweit wir sie verstehen konnten, ob wir Touristen seien und was uns an diesen Ort verschlagen hätte? Dann rief sie nach ihrer Tochter, die englisch sprach und bei der Kommunikation helfen sollte. Die beiden Frauen wollten uns nicht einfach gehen lassen und luden uns zum Kaffee ein. Sie meinten, sie seien zwar arm, aber einen Kaffee müssten wir unbedingt zusammen trinken. Also saßen wir in einem Raum, der gleichzeitig Küche, Wohn- und Schlafzimmer war, und versuchten uns mit Händen und Füßen zu verständigen. Es war eine sehr außergewöhnliche Situation, die davon gekrönt wurde, dass nach und nach immer mehr Töchter aus dem Nebenraum zu uns kamen und sich vorstellen. Am Ende saßen wir zu acht in dem sehr einfachen, aber gemütlichen Raum und „plauderten” miteinander. Wir erfuhren, dass eine der Töchter englisch studierte, um Lehrerin zu werden, alle anderen gingen noch zur Schule. Wir tranken Kaffee, erzählten, dass wir am Abend zurückreisen würden und dass wir eine wunderbare Zeit in Georgien hatten. Sie erzählten von ihrem Leben auf dem Land, von Geschwistern, die in der Stadt lebten und interessierten sich für unser Leben. Ich fühlte mich so willkommen, wie schon lange nicht mehr bei Fremden. Als wir uns verabschiedeten, hatten wir neue Freundinnen gewonnen und bekamen als Abschiedsgeschenk ein wunderschönes georgisches Märchenbuch in die Hände gedrückt. Gastfreundschaft wird in Georgien ganz groß geschrieben, das haben wir mehr als einmal in den drei Wochen erlebt.

© Foto Stephanie Drescher

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