Flying high mit den Flying Steps

Wie wäre es, wenn Bilder nicht nur sichtbar wären, sondern auch hörbar? Wenn all die Gedankenwelten und Emotionen, die ein Maler in ein Gemälde steckt, sich in Musik wiederfinden könnten? Diese Frage stellte sich der russische Komponist Modest Mussorgsky Ende des 19. Jahrhunderts, als er durch eine Ausstellung mit Werken des Malers Viktor Hartmann ging, ein Weggefährte und Freund. Und bei diesem bloßen Gedanken blieb es nicht: Modest Mussorgsky verwandelte seine eigenen Gefühle zu den Bildern in Töne und komponierte den Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung, den er seinem verstorbenen Freund widmete.

Die Flying Steps – die legendäre Berliner Breakdance Kompanie  – gehen noch einen Schritt weiter. Gemeinsam mit den Komponisten Vivan und Ketan Bhatti und den Künstlern des brasilianischen Labels Osgemeos, haben sie diese Idee weiterentwickelt und die Musik Mussorgskys tänzerisch interpretiert. Herausgekommen ist Flying Pictures, ein beeindruckendes Tanz-Street-Art-Sound-Spektakel, das voll auf die Sinne geht. Zusehen bis zum 02. Juni 2019 im Hamburger Bahnhof in Berlin.

Das Orchester beginnt, Violinen, Klavier und Tuba setzen ein, ein düsteres Grundrauschen empfängt die ersten Tänzer. Sie stoßen auf eine quadratische Bühne, von LED-Stangen gesäumt, und von drei Seiten von Publikum umgeben. Darüber hängen beleuchtete Rahmen, die von den zwei Tänzern in Augenschein genommen werden – in diesem Moment ist das Thema der Show gesetzt. Es geht um Bilder. Was langsam mit einem Spaziergang beginnt, steigert sich schnell, als der Gnom, alias B-Boy Willy die Bühne betritt. Wie ein Flummi tanzt er sein Bild, wirbelt, springt, für die Augen fast zu schnell, um zu erfassen, was da eigentlich passiert. Wie ist das möglich, fragt sich die Zuschauerin? Mühelos scheinen die Bewegungen sich abzuwechseln, geschmeidig jeder Move. Schwebend fast, die Flying Steps eben. Genauso geht es weiter, mal als Ensemble, mal solo, mal als Miteinander, mal als Gegeneinander inszeniert und live begleitet von dem Berliner Music Ensemble und dem Beatboxer Mando. So viel Körperbeherrschung und Geschick grenzt fast an Unmöglichkeit. So sind auch alle zehn Bilder, die von den sechs B-Boys, einem B-Girl und einer Ballerina interpretiert werden ein purer Genuss und gleichzeitig ein Schlag in die eigene Unbeweglichkeit. Aber was hier vor Leichtigkeit strotzt, muss tägliche, harte Arbeit sein, anders kaum zu leisten.

Als Vartan Bassil und Kadir „Amigo“ Memis 1993 die Flying Steps gründeten, tanzten die Breakdancer in dunklen Schuppen oder auf der Straße, als Unterlage ein alter Pappkarton, beschallt vom Beat aus dem Ghettoblaster. Sie gehörten zum Tanz-Underground, der von vielen anfänglich belächelt wurde, allerdings eine treue Fangemeinde mit sich zog. Relativ schnell war dann auch klar, die Jungs haben es drauf, der Tanz ist mehr als nur ein Zeitvertreib, sondern ein Motor, der zur Perfektion getrieben werden muss. Und genau das haben sie geschafft.

26 Jahre, viele Tanzwettbewerbe, Preise und eine Akademie-Gründung später gehören die Flying Steps zur internationalen Tanzelite. Aus den Vorbildern von einst sind die Breakdance-Weltmeister von heute geworden. Genauso cool und immer noch spektakulär, oder vielleicht sogar noch spektakulärer. Es gibt nur einen Unterschied zu früher: Inzwischen bedienen die Breakdancer einen Massengeschmack, haben sich herausgetanzt aus ihrer Nische. Im Publikum sitzen neben der eingefleischten Fangemeinde, auch grauhaarige Männer in teuren Anzügen, Familien mit Kindern und edlen Schmuck tragende Business-Frauen, die früher vermutlich beim Vorübergehen an einer Breakdance-Darbietung eher die Nase gerümpft hätten über so viel Street Credibility, heute aber in den Vorstellungen der Flying Steps sitzen. Denn die gehören schließlich inzwischen zum kulturellen Canon dazu und den darf sich die kunsthungrige Berliner (und nicht nur die) Öffentlichkeit natürlich nicht entgehen lassen. Wohl genauso wenig wie die Street-Art-Künstler von Osgemeos. Die von ihnen kreierten Riesenpuppen, die die Performance ergänzen, würden mit ihren glitzernden Haaren, der bunten Kleidung und den leuchtenden Augen ebenso in eine Unterhaltungsshow in Las Vegas passen.

Und das könnte auch ein bisschen das Motto der gesamten Show sein. Raus aus der Independent Ecke rein ins Massenvergnügen. Für einen winzig kleinen Moment hinterlässt dieser Eindruck einen leicht bitteren Nachgeschmack, um dann von der puren Freude des Zuhörens und Sehens hinweggespült zu werden. Am Ende dieses Abends geben alle noch mal alles, als hätten sie nicht gerade schon fast zwei Stunden auf der Bühne gestanden, sondern seien gerade erst von der Leine gelassen worden, um ihr ganzes Können unter Beweis zu stellen. Das erntet stehenden Applaus. Verdient!

© | Stephanie Drescher

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