Gerhard Richter – Abstraktion

Abstraktion hat viel von Willkür, besonders in der Kunst. Wild auf die Leinwand gebrachte Farbkleckse, Striche, wie nach einem versehentlich abgerutschten Pinsel oder ganze Flächen, die danach aussehen, als sei eine Walze über sie hinweggefahren. Die Kunst wirkt naiv, oft wie Kindermalerei, nicht durchdacht. Ein Irrtum. Abstraktion ist Geschmackssache, beliebig ist sie nicht.

Seit Wochen plane ich einen Besuch in das Museum Barberini in Potsdam um mir die Gerhard Richter Ausstellung anzuschauen. Jetzt war ich endlich da. Die Schau widmet sich dem abstrakten Werk des Künstlers. Zusehen sind mehr als 90 Bilder, so unterschiedlich abstrakt, wie Abstraktion sein kann. Genauso vielschichtig wie der Künstler selbst. Auffallend die Farbigkeit, selbst in den grauen Gemälden. Wie viele unterschiedliche Grautöne gibt es? Und dann diese Vermalungen, allein der Name vermittelt schon die Möglichkeiten der Deutung. Wie schafft Richter es, trotz der Anarchie auf der Leinwand ein Gefühl von Landschaft zu erzeugen, zerstört, wie nach einem Luftangriff? Was hat er wohl gedacht oder gar gefühlt während des Entstehungsprozesses seiner Bilder? Kalkuliert er die Wirkung auf die Betrachter*innen mit ein? Wohl kaum. Weiß er darum? Bestimmt.

Gerhard Richters Bilder gehen auf die Sinne. Sie fordern vor allem die Sehnerven heraus, sie täuschen, manchmal auch Bewegung vor. Ihre bewusst eingesetzte Unschärfe kann kirre machen. Es ist wie verhext, kein Ausschnitt bleibt wirklich an seinem Platz. Je größer die Nähe, umso unruhiger wird der Blick.

Im letzten Raum muss ich mich ausruhen, setze mich auf eine der Bänke und blicke auf bunte Leinwände, deren Farben mit reichlich Struktur versehen sind. Sie gefallen mir gar nicht so sehr, im Gegensatz zu vielen anderen Bildern, die ich von Gerhard Richter kenne, aber sie rühren mich zu Tränen. Ich bin überrascht, damit hatte ich nicht gerechnet. Aber ich bin auch begeistert, denn genau das ist für mich Kunst: die Freiheit der Eventualitäten.

Museum Barberini Potsdam
Gerhard Richter – Abstraktion
30.6. – 21.10.2018

© Foto | Stephanie Drescher

2 Replies to “Gerhard Richter – Abstraktion”

  1. Jetzt bin ich neugierig geworden …
    Du hast Deinen Besuch in der Ausstellung mit so eindrücklichen Worten beschrieben … Kunst=die Freiheit der Eventualitäten … das trifft es sehr gut, finde ich …
    Ich habe Gerhard Richter u.a. vor Jahren in der Nationalgalerie gesehen und war zögerlich in Bezug auf die jetzige Ausstellung im Barberini …
    Mal sehen, vielleicht schaffe ich es noch …

  2. Liebe Sirie,
    danke für deine Rückmeldung und schön, wenn dich meine Einschätzung motiviert. Mit Kunst ist es ja wirklich sehr subjektiv, jede und jeder empfindet sie anders und nimmt sie durch eine individuelle Brille wahr. Das macht sie ja auch so spannend, finde ich. Wenn du es ins Barberini schaffst, bin ich natürlich neugierig, wie es dir ergangen ist.

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