Der Zeppelin, der Zeppelin

Mit seinem Stück Zeppelin gibt Herbert Fritsch sein Debüt an der Berliner Schaubühne. Inspiriert zu diesem prächtigen Spektakel wurde er von Texten des Schriftstellers Ödön von Horváth, dessen ausgesprochene KennerIn man sein muss, um sie zu enttarnen. Aber das ist gar nicht unbedingt notwendig, denn auch ohne tiefes Insiderwissen macht der grobe Unfug Spaß. Die meistgestellte Frage an diesem Abend: Wo ist eigentlich Irma? Ja, wo ist eigentlich Irma?

Himmelblau ätherisch zeigt sich die verhangene Bühne, bevor der Vorhang fällt. Dahinter verbirgt sich das Gerüst eines riesigen Zeppelins und Bastian Reiber läuft auf die Bühne, einen Fußball vor sich her trippelnd, ganz ins Spiel versunken, wie ein Kind. Wenig später kommen die restlichen sieben SchauspielerInnen angerannt, sie wollen mitspielen. In ihren farbigen Kostümen und grell geschminkten Gesichtern wirken sie wie Puppen. Sie geben sich ganz dem Moment hin, bis sie bemerken, dass sie nicht allein sind. Da rennen sie an dem Zeppelin vorbei, stellen sich mit den Füßen stampfend am Bühnenrand auf, den Blick direkt ins Publikum gerichtet, als wollten sie sagen: Hier spielt jetzt die Musik! Jetzt geht es los! Wir benötigen ihre volle Aufmerksamkeit! Mit Wirkung, denn die bekommen sie dann auch.

Herbert Fritsch bleibt Herbert Fritsch bleibt Herbert Fritsch

Ganz in Herbert Fritsch Manier, bewegen sich die Akteur*innen anfänglich pantomimisch, sprachlos, nur begleitet von Tönen, die der Musiker und Komponist Ingo Günther auf seinem Keyboard erzeugt. Es klingt fast so, als kämen diese metallischen Klänge direkt aus dem Bauch des Zeppelins. Dann plötzlich, sobald die SchauspielerInnen das Fluggerät entdeckt haben, geht das Geplapper los. Ist der Knoten geplatzt, hört es gar nicht mehr auf mit dem wilden Durcheinander an Wörtern und Sätzen, angerissene, kleine Geschichten, fast dadaistisch zusammenhangslos erzählt. Die DarstellerInnen schmeißen sich im Takt der Töne, Satzkonstruktionen an die Grimassen schneidenden Gesichter, während dessen sie in wilder Akrobatik den Zeppelin beturnen. Sie weben sich ein in das Konstrukt, probieren sich aus, fast wie im wahren Leben. „Leben heißt Kurven nehmen”, sagt dann auch noch eine und in diesem Moment reift die Einsicht, der Zeppelin könnte symbolisch für eben dieses stehen. Vielleicht, aber wer weiß das schon.

Nichtsdestotrotz finden in ihm Ödön von Horváths Figuren, ausgestattet mit den typischen Merkmalen der Fritsch Inszenierung, die arbeitslosen Fräuleins, die Bräute, Witwen und schrulligen Professoren, Zuflucht. In ihren oft sinnlosen Verrenkungen wirken sie beständig wie kurz vor dem Absturz, dabei geben sie altklug ihre Gedanken zum Besten und entschuldigen sich für ihr doch ein wenig befremdlich daher kommendes Auftreten: „Ich bin eigentlich ganz anders, komme nur selten dazu”, tönt es da an einer Stelle. Und als man gerade darüber nachdenkt, welcher Witz dem innewohnt, kommt von anderer Seite „Denken tut weh” und man ist ab diesem Zeitpunkt verleitet, einfach nur dem skurrilen Treiben auf der Bühne zu folgen, ohne zu denken. Als dann Bastian Reiber fast unschuldig bemerkt: „Irgendwann werden Sie das alles verstehen”, und das Publikum zum ersten Mal herzhaft lacht, wird klar, der Nonsens ist Programm, wie sollte es anders sein bei Herbert Fritsch, der seinen Tiefsinn auch diesmal wieder in Unfug versteckt.

Fast am Ende des Stücks angekommen, hebt der Zeppelin ab, erst nur minimal, dann schwebt er auf. Und die SchauspielerInnen, die gerade nicht auf irgendeine Weise in ihm verankert sind, bemühen sich kraftvoll ihn noch in allerletzter Minute zu besteigen. Alle haben ihren Platz gefunden, bis auf Ruth Rosenfeld, sie steht vor einem Mikrofon und erprobt ihre schöne Sopranstimme, die anderen schauen mit freudiger Spannung aus luftiger Höhe in die Ferne. Das Spiel ist aus, was bleibt, sind die Grimassen. Das Publikum verharrt in Erwartung – war es das jetzt? Nur verhalten startet der Applaus, Irritation macht sich breit. Einer der Zuschauer schreit „Bravo” in die Stille, ein anderer beginnt ein schräges Lachen. Dann wagt die Menge, geschlossen zu klatschen. Applaus braust nun auf, nicht mehr verhalten. Nach beinahe zwei Stunden ist der Spaß dann wirklich vorbei. Die Antwort nach Irmas Aufenthalt bleibt Herbert Fritsch schuldig, die nach dem tieferen Sinn auch. Die muss sich das Publikum wohl selbst beantworten.

© Foto | Stephanie Drescher

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