Bedingungslos verdient

Wie wäre es, wenn alle Menschen ein Grundeinkommen hätten, soviel, dass sie davon leben könnten; bezahlt vom Staat, bedingungslos, würden sie dann weniger arbeiten, kreativer und zufriedener sein? Ich bin fest davon überzeugt. Ein regelmäßiges, gleiches Einkommen für alle könnte nahezu identische Grundlagen schaffen und gleichzeitig für jeden Menschen die Wundertüte der Möglichkeiten öffnen – vorausgesetzt sie oder er möchte in ebendiese hineinschauen – unabhängig von sozialer Herkunft, Bildung, Geschlecht und Alter. Es könnte ungeahnte Freiheiten generieren, entlasten und vor allem entkrampfen.

Die Wirtschaft muss wachsen, das Bruttosozialprodukt steigen. Immer mehr, immer höher, immer besser. Mit diesen Sätzen im Ohr bin ich groß geworden. Sie werden seit vielen Jahren ständig und kontinuierlich in dieser oder ähnlicher Form von Politikern unterschiedlicher Parteien, zu unterschiedlichen Zeitpunkten wiederholt. Die neusten Berichte des Instituts für Weltwirtschaft sprechen von einer schon seit fünf Jahren anhaltenden prosperierenden Konjunktur in Deutschland, die ordentlich Geld in die Staatskasse spült und uns im europäischen Vergleich ziemlich gut aussehen lässt. Jedes Mal wenn ich solche Nachrichten lese, frage ich mich, wohin diese Entwicklung noch führen soll? Wie lautet der Superlativ von ständigem Anstieg? Wie hoch können wir wachsen, ohne irgendwann abzuknicken?

Die permanente Konzentration darauf, dass wir Geld und Dinge anhäufen, dass wir einem profitablen Job nachgehen müssen, um unseren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, übt unendlichen Druck aus und nährt gleichzeitig Existenzängste. Diesen Druck könnte das bedingungslose Grundeinkommen auflösen, indem es Existenz sichert und gleichzeitig Optionen öffnet, einer Arbeit oder Beschäftigung nachzugehen, die nicht nur dem täglichen Überleben dient, sondern gleichzeitig auch noch Spaß macht. Die Auseinandersetzung mit dem bedingungslosen Grundeinkommen ist eine hoch philosophische, denn sie wirft automatisch Fragen auf. Heißt Geld vom Staat geschenkt zu bekommen, dass wir alle in Müßiggang verfallen? Und wenn diese – ich nenne es einmal Gefahr – besteht, wer verrichtet dann noch die Arbeit, die notwendigerweise getan werden muss? Heißt es außerdem, dass Arbeit, egal welche, an Wert verliert? Und wie steht es mit der Verbindung von Arbeit und Selbstbewusstsein beziehungsweise Anerkennung? Wie stehen wir als Gesellschaft dar, wenn plötzlich jede und jeder, zumindest monetär die gleichen Voraussetzungen hat?

Ich arbeite sehr gerne, ich liebe sozusagen, das, was ich tue. Und ja, im besten Fall schöpfe ich daraus eine gewisse Art von Selbstbewusstsein. Es fühlt sich unglaublich gut an, einen super Job gemacht zu haben und dafür wertgeschätzt und angemessen bezahlt zu werden. Dieses Gefühl ist am Ende des Tages sehr befriedigend und motivierend. Ich bin der festen Überzeugung, dass es vielen Menschen geht wie mir. Diese Menschen werden nie aufhören zu arbeiten, aber vielleicht in gewissen Situationen – bei Krankheit oder wenn einfach mal die Lust fehlt, was ja durchaus auch vorkommt – einen Gang zurückschalten, weil ihnen das bedingungslose Grundeinkommen genau das ermöglicht. Und andere, die nicht so ein Glück haben ihre Arbeit zu lieben werden womöglich ermutigt, in sich hineinzuhorchen, was ihnen stattdessen Spaß machen könnte. Es wäre eine Chance für einen Neuanfang.

Ohne Frage, das bedingungslose Grundeinkommen würde unser Zusammenleben verändern – ich glaube, auf sehr positive Weise. Aber es gibt bestimmt auch viele Argumente gegen das bedingungslose Grundeinkommen, ganz vorne die Finanzierbarkeit, aber ich bin der tiefen Überzeugung, dass wir als Gesellschaft diesen Schritt wagen sollten. Und immerhin stimmte bei einer aktuellen Studie eines Marktforschungsunternehmens jeder zweite Deutsche dafür. Es scheint so, als seien die Menschen bereit für dieses Experiment, jetzt muss die Politik die Grundlagen dafür schaffen.

© Foto Stephanie Drescher

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