Gewitter in Zeiten der Kunst

Zur Eröffnung der Messe Art Berlin im Rahmen der Berliner Art Week ziehen große Gewitterwolken am Himmel auf. Der Nachmittag verdunkelt sich, die Temperatur sinkt, es wird ungemütlich. Wind kündigt Regen an, der kurz bevor wir in der Station am U-Bahnhof Gleisdreieck ankommen, sich in Strömen ergießt. Könnte dies ein Omen sein; ein unheilvolles Vorzeichen, für das, was uns sonst noch an diesem Donnerstag im September erwartet?

Die Station, der denkmalgeschützte, ehemalige Postbahnhof, in dem bis in die 1990er Jahre Pakete und andere Waren aus aller Welt ankamen, um in Berlin verteilt zu werden, wirkt düster, als wir Richtung Eingangstür laufen. Bei meinem letzten Besuch auf der Art Week im vergangenen Jahr war ein herrlicher Spätsommertag. Menschen warteten in luftiger Kleidung darauf, einen Platz auf den begehrten Bierbänken im Innenhof zu bekommen, einen Platz an der Sonne und eine kleine Pause vom Kunstbetrieb.

Heute ist rein wettertechnisch bereits Herbst, nur die ganz Harten stehen draußen, um eine Bratwurst zu bestellen oder zu rauchen. Der Rest weilt drinnen. Das übliche Kunstpublikum, in zwei Kleiderkategorien. Die eine trägt vornehmlich schwarz, nur hin und wieder gezielt gesetzte, farbige Akzente; die andere Schräges im Sinne von kunterbunt Zusammengestelltes, was nicht so recht zusammenpassen will, aber genau deshalb ins Auge fällt. Riesengroße Hornbrillen, mit oder ohne Glas, opulenter Schmuck und wild frisierte Haare ergänzen hier und da den Look of Art. Die Kunsthallen bieten genügend Platz für all die Egos und Individualisten, die sich hier treffen und nicht nur ihre Kunst, sondern auch sich selbst zur Schau stellen. Als Beobachterin tauche ich nur zu gerne in diesen Tummelplatz der Kreativen, der Hedonisten und nicht zu vergessen, Geschäftemacher der Szene, ein.

Ich schlendere durch die Hallen, in denen internationale Galerien ihre Ware zeigen, vorbei an unterschiedlichen Epochen und Kunstformen, an Menschen mit kritischem Blick, interessiertem Augenaufschlag, gekonnt gelangweilt oder überschwänglich überrascht. Es ist alles dabei. Auch an Nationalitäten und Sprachen, die meistgehörte ist englisch.

Kunst trifft Politik

In diesen Raum der Diversität im engsten Sinne, platzt die Nachricht, dass die AfD, laut dem ARD-Deutschlandtrend, auf dem dritten Platz landen würde, wäre an diesem Wochenende Bundestagswahl. Ich schaue zweimal auf mein Handydisplay, um den Inhalt der Nachricht wirklich richtig verstanden zu haben. Die AfD vor den Linken und Grünen, und mit 12 Prozent nur 8 Prozentpunkte von der SPD entfernt. Die ARD betont, dass es sich hierbei nicht um eine Prognose handele, sondern lediglich um die aktuelle Stimmung in der Gesellschaft. Das ist beruhigend, dann kann ich mich jetzt ja weiter der Kunst widmen. Stattdessen muss ich mich hinsetzen und die Schlagzeile verdauen. Im Art-Bistro bestelle ich etwas zu trinken und stoße mit meinem Gegenüber auf Deutschland an. Am Nachbartisch sitzt die ZDF-Moderatorin Marietta Slomka. Zu gerne wüsste ich, ob diese Nachricht auch schon bis zu ihr vorgedrungen ist. Aber da sie heute in Berlin und nicht in Mainz weilt, und ich vermute, dass sie ihre heute-journal-freie Woche genießt, möchte ich sie mit meiner Neugierde nicht unnötig belästigen. Trotzdem, interessieren würde es mich schon…!

Schon seit einigen Monaten meldet sich bei mir in regelmäßigen Abständen dieses diffuse Gefühl. Ich kann es nicht richtig beschreiben oder konkret festmachen. Es nährt sich aus vielen unterschiedlichen Richtungen, aus Tagesnachrichten, der politischen Weltlage, aus eigenen Erlebnissen, Gesprächen mit Freunden. Unsere Welt verändert sich. Die Briten haben gegen ihren Verbleib in der EU gestimmt. In den USA regiert ein Präsident, der einer Comicfigur gleicht, die ihre Leser mit immer neuen Eseleien überrascht. Was im Comic zur allgemeinen Unterhaltung gedacht ist, treibt mir in der Realität tiefe Falten der Verzweifelung auf die Stirn. In der Türkei herrscht ein konservativer, engstirniger Despot, der alle weltoffenen Tendenzen einer modernen, liberalen Gesellschaft mit Füßen tritt. Ungarn, Polen und Tschechien sind zwar Mitgliedsländer der EU, wollen sich aber – wenn es Probleme gibt – nicht an der EU beteiligen. Islamitisch motivierte Terroranschläge im Monatstakt…So ließe sich die Liste der beunruhigenden Tatsachen noch um einige Zeilen fortführen, um am Ende in Deutschland zu landen. Die AfD wird mit aller Wahrscheinlichkeit, nach der Wahl am 24. September, im Deutschen Bundestag sitzen. Sie wird mitregieren; mitbestimmen.

Protestwahl und ihre Folgen

Ich kenne keine AfD-Wähler persönlich, aber spätestens jetzt ist klar, es gibt sie und es sind viele. Wer sind die Menschen, die glauben, mit ihrer Stimme für die AfD, ihre Welt zum Positiven verändern zu können? Warum wollen sie eine Partei wählen, deren Vertreterinnen und Vertreter menschenverachtend, respektlos, homophob und rassistisch in ihrer Wortwahl und ihrem Auftreten sind? Eine Partei, die ein völkisches Menschen- und Familienbild hat, das absolut realitätsfremd ist. Eine Partei, die eine multikulturelle Gesellschaft ablehnt und allen Ernstes behauptet, dass die Klimaveränderung nicht menschengemacht sei? Die Frauen das Recht auf Abtreibung verwehrt und das Antidiskriminierungsgesetz abschaffen möchte. Wer sind die Menschen, die die hart erkämpften Werte unserer liberalen, demokratischen Gesellschaft in Frage stellen und sich auf rechte, erzkonservative und kleingeistige Inhalte berufen. Wer?

Sind es die, die nach langem Hoffen, inzwischen daran zweifeln, dass eine gerechte Gesellschaft mit den etablierten Partien möglich ist? Eine Gesellschaft, in der Vermögen gerechter verteilt ist? Eine, in der junge Menschen nach ihrer Ausbildung eine Arbeit finden, die ihnen nicht nur Spaß macht und ihren Qualifikationen entspricht, sondern die ihnen auch ermöglicht, von ihr gut zu leben, vielleicht sogar eine Familie zu gründen? Eine, in der wohnen ein Grundrecht sein, und die Miete nicht mehr als 30 Prozent des Lohnes verschlingen sollte. Eine Gesellschaft, in der Manager angemessen bezahlt und bestraft werden, wenn sie betrügen.

Nach dieser Gesellschaft sehne ich mich auch und oft zweifele ich daran, ob es sie jemals geben wird. Aber eines kann ich zweifelsohne behaupten: Sie ist auf keinen Fall mit einer Partei möglich, die dem Wahlvolk eine Realität vorgaukelt, die nicht existiert. Die zum Beispiel nur die Mutter-Vater-Kind-Familie als einzig wahre anerkennt und sich damit selbst widerspricht, in dem ihre oberste Vertreterin in einer lesbischen Beziehung mit einer Frau und zwei kleinen Kindern lebt. Wie sehr lässt sich einer solchen Partei Glauben schenken?

Ich habe kein Patentrezept, wie sich die dringenden Aufgaben, die die Welt an uns als Gesellschaft stellt, bestmöglich bewerkstelligen lassen. Doch was ich mit großer Gewissheit weiß, während ich im Bistro der Art Berlin sitze, die Diskrepanz spürend zwischen dieser mich eben erreichten Nachricht und dem Ort an dem ich gerade bin – bunt, kreativ, international – wählen zu gehen gegen die rechte Meinungsmache, ist ein erster und so wichtiger Schritt.

 

 

2 Replies to “Gewitter in Zeiten der Kunst”

  1. Ganz wichtiges Thema und von Dir so treffend beschrieben, danke für diesen Text, liebe Steph!
    Wählen gehen, unbedingt!
    Mir ist es ja leider nicht erlaubt, da ich nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitze – einige deutsche Freunde sagen:“Sei froh!“, da sie unsicher sind, wen sie wählen sollen.
    Für mich wäre nicht zur Wahl zu gehen, keine Option …
    Und ganz besonders in Zeiten wie diesen – daher sich immer wieder positionieren und den Mund aufmachen gegen diesen ganzen rechten Wahnsinn!

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