Gutmenschen von Yael Ronen im Deutschen Theater

Wer und was ist eigentlich ein Gutmensch? Ein Mensch, der von Grund auf gut ist? Und was heißt das denn, gut zu sein? Bekommt man diese Eigenschaft in die Wiege gelegt oder lässt sich das lernen? Oder ist ein Gutmensch einer, der immer Gutes tut? Und geht das überhaupt? Denn ist das Gute für die einen, auch per se das Gute für die anderen? Wohl eher nicht. Früher, in den neunziger Jahren waren die Gutmenschen diejenigen, die auf Friedensdemos gingen, im Bioladen einkauften und Ökokleidung trugen und der Begriff war ziemlich negativ konnotiert. Das ist immer noch so, nur der Kanon der Gutmenschen hat sich ein bisschen verschoben.

Eine Realityshow mit dem Namen Gutmenschen, die von dem österreichischen Unternehmen Red Bull gesponsert wird, das wiederum sein Image mit einem Biogetränk aufpeppen will, womit es, ganz nebenbei nicht das erste wäre. Eine schräge Ausgangssituation für ein Bühnenstück, in dem Europas Flüchtlingspolitik im Allgemeinen und die Österreichs im Konkreten vorgeführt werden soll. Das gelingt, allerdings nur mit Hilfe von vielen Klischees.

Die Regisseurin Yael Ronen bleibt sich treu

Gutmenschen ist sozusagen die Fortsetzung von Lost and Found, das die israelische Regisseurin Yael Ronen 2015 gemeinsam mit Schauspieler*innen des Wiener Volkstheaters erarbeitete. Darin thematisierte das Ensemble die Familiengeschichte einer ihrer Schauspielerinnen, Seyneb Saleh und ihrem aus dem Irak geflohenen Cousin Yousif Ahmad. Yael Ronen bleibt sich in üblicher Manier treu: Sie verbindet, die Realität ihrer Schauspieler*innen mit der Fiktion des Theaters. So hat Yousif Ahmad das Stück selbstverständlich mit entwickelt und spielt, mehr oder weniger und obwohl kein Schauspieler, sich selbst.

Als 2017 Yousif Ahmads Ayslantrag abgelehnt wurde, war nicht nur die Empörung groß, sondern es entwicklete sich schnell ein Aktionismus aus dem heraus Gutmenschen entstand. Anfang des Jahres wurde das Stück in Wien uraufgeführt, da noch mit Yousif Ahmad, der einen dreißig Sekunden Auftritt als Yousef hat, aber nur über die Bühne laufen darf, sonst nichts, alles andere wäre Arbeit und arbeiten dürfen Asylbewerber bekanntlich nicht. In Berlin, wo Gutmenschen im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater gezeigt wird, ist er gar nicht mehr zusehen, denn solange sein Asylverfahren läuft, darf er Österreich nicht verlassen.

Flüchtlingspolitik in der Kritik

Flucht, Vertreibung, Asyl. Themen, die aktueller nicht sein könnten. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz wirbt in Berlin für eine „Achse der Willigen” und will Europas Außengrenzen abdichten. Italien und Malta weigern sich ein Schiff mit Hunderten Flüchtlingen aufzunehmen. In den USA werden Kinder an der Grenze zu Mexiko von US-Behörden von ihren Familien getrennt. Die Eltern kommen ins Gefängnis, die Kinder in Heime oder Pflegefamilien. Und der deutsche Innenminister Horst Seehofer droht mit einem dubiosen Masterplan. Er will Flüchtlinge bereits an den Grenzen zu Deutschland wieder zurückschicken. Die Flüchtlingspolitik treibt die Welt um, lässt uns alle im wahrsten Sinn an Grenzen stoßen und jede und jeden immer wieder Einstellungen hinterfragen. Das Thema spaltet, weil es so vielschichtig ist und gleichzeitig so schwierig. Es geht über die Frage – wie menschlich und gut wollen wir sein? – hinaus.

Im Bühnenstück wohnt Yousef bei seiner Cousine Mayram (Birgit Stöger), deren Sohn ganz unverfroren fragt, ob er einen Hund haben könne, wenn Yousef dann endlich ausziehe – ob in eine eigene Wohnung oder wieder zurück in den Irak, egal – aber schließlich habe ja jeder jemanden. Papa zum Beispiel die Skilehrerin und er wolle nun mal einen Hund. So einfach ist das. Und überhaupt sind die Charaktere alle irgendwie mit sich selbst beschäftigt, mit dem eigenen Leben, den Ängsten und Zweifeln. Da sind die Heiratspläne von Klara, gespielt von Katharina Klar und Elias (Sebastian Klein), die mit ihrem Ehemanifest den konservativen Ehebegriff in einen neuen, polyamorphen, queeren, dekonstruieren wollen. Da ist die leicht überdrehte Bloggerin Maryam, die sich als Single und stillende Mutter von der Gesellschaft diskriminiert fühlt und inzwischen vom gut sein in gewisser Weise auch die Schnauze voll hat, weil teuer und den eignen Raum einschränkend. Beim schwulen Paar Moritz (Paul Spittler) und Schnute (Knut Berger) dreht sich alles um ihre (Homo)-sexualität, Eifersucht und Treue. Und dann ist da noch Utes (Jutta Schwarz) Furcht, was Yousef im Schilde führen könnte, wenn er der Enkeltochter die arabische Sprache beibringe. Alle kreisen um sich selbst und zusammen um den abwesenden Yousef. Sie klopfen Sprüche, diskutieren, tun dies mit Witz und Humor, sorgen für manchen Lacher im Publikum, sind scharfzüngig und durchaus kritisch, mal schreiend, mal singend – und das ist  einer der Höhepunkte des Abends. Katharina Klar, die mit ihrem Song „Du bist so weit, weit rechts, so weit, weit rechts von mir” ihre Qualitäten als Sängerin, verpackt in österreichischen Schlager, zum Besten gibt. Aber alles in allem nährt sich das Stück am Ende doch von vielen Platitüden. Das homosexuelle Paar verbleibt im Klischee, thematisiert es aber immerhin. Die Verlobten wollen „unabhängige, eigenständige Individuen” bleiben. Die pensionierte Mutti ist sich sicher, Yousef müsse etwas angestellt haben, sonst würde er nicht abgelehnt und außerdem: „Wer arbeiten will, findet auch Arbeit.” Basta!

Yael Ronen leistet sich einen Theaterklamauk mit ernstem Hintergrund, unterhaltsam und kurzweilig. Aber Gutmenschen bleibt eben nur das und entlässt das Publikum nach 90 Minuten ohne wirklich neue Erkenntnisse. „Es wird dunkler, immer dunkler!”

© Foto | Stephanie Drescher

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