Corona Diary – 05. Mai 2020

Jetzt kommt die nächste Phase

Ich bin beunruhigt, und das aus ganz unterschiedlichen Gründen. Deutschland teilt sich gerade. Der eingangs, hochgehaltene, viel gepriesene Zusammenhalt zwischen den Menschen, den einzelnen Bundesländern, die sich im Falle einer Pandemie nach ihren eigenen Plänen richten können, also Entscheidungsgewalt haben, diese aber bereit waren für kurze Zeit unaufgefordert abzugeben. Die Solidarität unter Nachbarn, Fremden, Armen und Reichen, zwischen groß und klein, jung und alt, diese Solidarität schwindet langsam. Jetzt kommt die nächste Phase.

Genug eingeschränkt

Es hat den Anschein, als fühlten sich gerade alle irgendwie benachteiligt. Wir sind in der Corona-Krise einen Schritt vorangegangen, nicht in Richtung Entspannung, im Gegenteil. Jetzt geht es um Das-Sich-ungerecht-behandelt-Fühlen, das Jedes-Bundesland-macht-sein-eigenes-Ding, schließlich ist es dazu auch berechtigt, das Rücksicht-nehmen-ist-auch-keine-Lösung, das Die-Kranken-und-Alten-sterben-doch-sowieso, das Ich-will-endlich-wieder-Shoppen. All diese Haltungen sorgen für eine Polarisierung in der Gesellschaft. Dabei sind die auferlegten Verhaltenseinschränkungen in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern ja absolut milde. Zugegeben, sie regulieren unser Leben, sie stellen unsere Selbstbestimmung auf eine Warteliste, sie machen uns ein bisschen zu Marionetten des Virus. Aber wer beschwert sich hier eigentlich? Wir waren nicht für acht Wochen nahezu weggesperrt. ohne Sport, Spaziergänge und Kontakt nach draußen. Trotzdem: Jetzt kommen die Lockerungen, aber sind sie überhaupt schon angemessen? Viele renommierte Experten, wie der Virologe Christian Drosten von der Charité oder die ForscherInnen des Helmholtz-Instituts raten davon ab, die Schutzmaßnahmen zu verringern oder sogar ganz aufzuheben. Sie befürchten einen sofortigen Anstieg der Infektionsraten und die damit verbunden Folgen auf unser Gesundheitssystem. Aber es ist eine politische Entscheidung, trotz der Warnungen.

Endlich Shoppen

Seit vergangener Woche darf wieder konsumiert werden, nicht nur im Super- oder Baumarkt, sondern auch in anderen Geschäften, zwar mit Auflagen, Maske und Abstand, aber die KäuferInnenseele kann endlich wieder befriedigt werden. In der Tagesschau sagt ein Kunde in einem Schuhladen, es ginge ihm gar nicht darum, etwas zu kaufen, es ginge ihm nur darum all die Dinge zu sehen und die Möglichkeit zu haben, sie zu kaufen. So ist es also um unsere Psyche bestellt. Nur das Wissen, etwas tun zu können, befriedigt offenbar schon, die eigentliche Handlung scheint obsolet zu sein. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was das in aller Konsequenz für den Kapitalismus bedeuten könnte: Dank Corona einfach abgeschafft. Aber so einfach ist es nicht und mal ehrlich, richtig glauben konnte ich dem Kunden in dem Schuhladen sowieso nicht.

Die Bestätigung, dass die Sehnsucht nach materiellen Dingen gerade sehr groß sein muss, bekomme ich, als ich gestern an einem Outlet-Store in Kreuzberg vorbeifahre, vor dem eine lange Schlange steht. Die Menschen warten im Regen auf Einlass. Wenige Kilometer weiter, ein ähnliches Bild vor dem Designbüromaterialtempel, stoisch ausharrende KundInnen. Mich erinnert, was ich sehe, an eine Geschichte, die mir eine Freundin, die für einige Monate in Rio de Janeiro lebte, mal erzählte. Sie klagte, dass sie sich erst an das tägliche in der Schlange stehen vor der Bäckerei, im Supermarkt, in der Post, eigentlich überall, gewöhnen müsse. Ihre typisch deutsche Ungeduld falle ihr auf die Füße, aber sie genieße andererseits, zu beobachten, wie gelassen die BrasilianerInnen mit der Situation umgingen. Es würden die aktuellsten Nachrichten, Gerüchte und Neuigkeiten ausgetauscht. Ein lebendiges, lautes Miteinander – ich konnte es mir sehr gut vorstellen und war ein bisschen neidisch. Diese Form der Gelassenheit wünsche ich mich mir in Deutschland oft, aber ich weiß, da kann ich lange träumen. Die Schlangen, die ich gestern sah, wirkten schon bedingt durch die Abstandsregeln, distanziert, diszipliniert und ziemlich gesprächslos. Wie sehen wohl die Schlangen im Moment in Brasilien aus? Deutsch?

Nähe mit Auflagen

Eine Freundin, die seit gestern ihren Friseurladen wieder geöffnet hat, schrieb mir, es sei schrecklich. In den vergangenen Wochen hatte sie diesen Tag mehr als herbeigesehnt, alles akribisch vorbereitet, sich gefreut, endlich wieder arbeiten zu können, wieder Geld zu verdienen. Aber die Umstände sind widrig, die Vorgaben quälend. Die KundInnen seien zwar wunderbar, verständnisvoll und unterstützend, aber die vielen Regularien machten es ihr schwer und nähmen ihr die Lust am Tun. Ich kann sie verstehen. Ihr Beruf ist ein kreativer, nah am Menschen, sehr intim. Ein Beruf, der viel mit Sympathie, guten Gesprächen und Menschenkenntnis zu tun hat und mit dem Wunsch, ein positives Erlebnis zu schaffen. Wie soll das passieren in der Begrenzung und ohne die gewünschte Leichtigkeit?

Ein Stückchen Normalität, davon träumen momentan wohl alle Menschen. Aber bekommen wir diese zurück, wenn wir jetzt unvorsichtig werden, weil wir es satthaben, uns an Regeln zu halten, weil wir einfach keine Lust mehr haben, vernünftig zu sein, weil Konsum wichtiger ist als Gesundheit? Ein Kräftemessen an falscher Stelle. Ich bin beunruhigt.

© Foto Stephanie Drescher

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