Corona Diary – 17. März 2020

Beerdigen in Zeiten von Corona

Anfang März stirbt mein Onkel, kurz nach seinem 91. Geburtstag. Zwei Wochen später soll in Berlin seine Beerdigung stattfinden. Zu diesem Zeitpunkt beginnt die Bundesregierung gerade die Maßnahmen im Rahmen der Corona-Entwicklung mehr und mehr zu verschärfen. Veranstaltungen mit über als 20 Gästen sind untersagt. Es gibt Anweisungen, wie nah sich Menschen kommen dürfen. Verhaltensregeln für ein Bedrohungsszenario. So richtig ist das auch noch nicht bei mir angekommen. Beerdigen in Zeiten von Corona. Eine doppelte Herausforderung.

Der Abschied

Von einem geliebten Menschen Abschied zu nehmen ist schwer, aber wie richtet eine trauernde Familie eine Beerdigung in Zeiten von Corona aus? Wie lassen sich verordnete Maßnahmen wie die auferlegten Abstandsregeln einhalten, wenn eigentlich Nähe das Wichtigste ist? Darf ich meine Tante, die 87-jährige Witwe in den Arm nehmen und trösten? Ich habe es gemacht, vorsichtig, behutsam, der Situation angemessen, aber mit einem unguten Gefühl. Was wenn ich sie anstecke? Der Alltag mit dem Virus wird zum Spießrutenlauf.

Wir waren eine kleine Trauergesellschaft und mein Onkel wünschte sich eine ganz einfache Feier, ohne viel Brimborium, das hätte nicht zu ihm gepasst. Diesen letzten Wunsch haben wir ihm erfüllt. Das Virus war der ungebetene Gast an dem Tag. Lieber hätten wir es zu Grabe getragen.

Wie geht es jetzt weiter? Besonders für alte Menschen ist die Situation beunruhigend, sie gehören zur Risikogruppe. Da sind die Sorgen um die Gesundheit, aber auch die Angst vor dem Alleinsein. Meine Tante lebt in einer Pflegeeinrichtung für betreutes Wohnen. Inzwischen dürfen Fremde, Angehörige eingeschlossen, die Einrichtung nicht mehr betreten. Meine Tante darf keinen Besuch bekommen. Ich kann nur am Telefon für sie da sein, Trost spenden und versuchen zu beruhigen, wenn die Sorgen größer werden. Ein Zustand, der nur sehr schwer auszuhalten ist, vor allem so kurz nach dem Abschied nehmen, aber dem wir uns alle fügen müssen, aus Anstand und Solidarität. Die Frage ist nur, wie lange wir das als mündige Gesellschaft bewältigen können, ohne schwerwiegende Nebenwirkungen davonzutragen?

© | Stephanie Drescher

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